Nachrichten aus dem «anderen Europa»

Geehrte LeserInnen!

Heute schreibe ich über etwas, über das kaum ein Medium ausserhalb Georgiens berichtet hat. Nämlich über die erneute Entführung von georgischen Staatsbürgern durch Kreml-Proxies. Bei den drei georgischen Staatsbürgern, die vom KGB* in dem von Moskau unterstützen Gebilde von Abchasien entführt wurden, handelt es sich um Butkhuz Kvirkviya, Mikhail Lamandzia und Mate Lamandzia, die im Grenzgebiet zwischen dem von Tbilisi und von den Kreml-Proxies kontrollierten Territorien Altmetall gesammelt haben, als sie nach Angaben ihrer Verwandten von bewaffneten russischen Militäreinheiten attackiert, verhaftet und an den KGB* von Abchasien übergeben wurden. Und ein Attentäter, den Putins Schosshund Ramzan Kadyrov losgeschickt hat, um den georgischen Journalisten Giorgi Gabunia zu meucheln, weil Gabunia Putin und dessen Mutter beleidigt hat, wurde von den Behörden in Tbilisi verhaftet.

Sie fragen sich bestimmt, warum sie davon nichts gehört haben, wo doch, wenn es um den Juden unter den Staaten, Israel, geht, wegen jeder Kleinigkeit ein riesiges Drama veranstaltet wird. Und meine Antwort lautet: Es ist eben genau darum, weil man hier keinen Juden die Schuld an der Situation in die Schuhe schieben kann, interessiert es auch keinen, wenn georgische Staatsbürger von Kreml-Proxies entführt oder gemeuchelt werden. Es gilt eben immer noch: No Jews, no News!

Diese Gleichgültigkeit gegenüber jenen, die am Rande Europas leben, während man gleichzeitig sein Mütchen am Judenstaat kühlen möchte, degradiert georgische Staatsbürger zu Europäer zweiter Klasse, zu Bürgern eines anderen Europa. Eines Europa, indem, obwohl Staaten wie Georgien de jure souveräne Staat sind, immer noch durch grössenwahnsinnigen Taten bedroht sind. Denn man hat in Russland immer noch nicht verarbeitet, dass man nunmehr kein Imperium ist und die Unabhängigkeit seiner Nachbarstaaten zu respektieren hat. Stattdessen schwelgt man in Moskau im Ruhm längst vergangener Tage, der zum Irredentismus von heute führt. Aber damit ist Moskau nicht allein, leider. Auch in Teheran und Ankara leidet man an Phantomschmerzen und sieht dadurch seine regionalen Nachbarn nicht als gleichberechtigte Partner, sondern als Besitz, über den man verfügen kann, wie es einem beliebt.

Es ist eine Tragödie, dass darunter ausgerechnet der Kaukasus zu leiden hat, weil eben der Kaukasus eingequetscht ist zwischen den drei gescheiterten Imperien Russland, Türkei und Iran, und diese drei Staaten den Kaukasus als «ihren Vorgarten» ansehen.

Nun konnte man dieser Tage in verschiedenen Medien lesen, dass die EU zumindest die Sanktionen gegen Russland verlängert, und zwar weil Russland, durch Proxies, die Krim und den Donbass okkupiert und das Abkommen von Minsk nicht umsetzt, so dass man weiterhin Moskau sanktionieren muss. Denn sowohl in Moskau wie auch in Teheran und Ankara, wird nur eine Sprache verstanden; die der harten Hand.

Darum sind Sanktionen, wenn man solche Regime in die Schranken weisen will, ohne einen offenen Konflikt zu riskieren, so wichtig. Und darum sind die jetzigen Sanktionen in meinen Augen nur das absolute Minimum. Es braucht mehr Sanktionen. Es braucht Sanktionen, die selbst dem von Botox glattgebügelten Putin Sorgenfalten ins Gesicht treiben und das Regime in Teheran denken lassen, dass der Vertrag von Golestan ein Geschenk des Himmels war im Vergleich zu diesen Sanktionen.

Das jetzige Laissez-faire und Laissez-aller im Umgang mit den Regimen führt nur dazu, dass diese Regime sich gestärkt und dazu ermutigt fühlen Menschen zu entführen und zu foltern. Menschen wie Butkhuz Kvirkviya, Mikhail Lamandzia und Mate Lamandzia, die nichts Unrechtes getan haben und nun in den Händen des KGB sind. Es kann und darf nicht sein, dass man, wenn es gegen Israel geht, einen protestantischen Chor, Roger Waters und noch einige mehr mobilisieren kann, wenn es aber darum geht, echten Schurkenstaaten paroli zu bieten, gähnende Leere herrscht. Es kann und darf nicht sein und doch ist es leider so. Mir tut es deshalb extrem leid um Menschen, wie die oben genannten Altmetallsammler Butkhuz Kvirkviya, Mikhail Lamandzia und Mate Lamandzia.

Nicht nur tut es mir leid. Ich habe echte Sorgen, dass diese drei Männer dasselbe Schicksal erleiden könnten wie Archil Tatunashvili. Archil Tatunashvili war ein georgischer Obsthändler, der von den Kreml-Proxies in der Zchinvali-Region/Süd-Ossetien verhaftet und zu Tode gefoltert wurde. Seine Leiche wies über 100 verschiedene Verletzungen auf und als «offizieller Todesgrund» wurde von den Kreml-Proxies ein Treppensturz angegeben. Als seine Leiche an seine Familie in dem von Tbilisi kontrollierten Gebiet übergeben wurde, fehlten dieser eigene überlebenswichtige Organe wie Leber, Milz und Nieren. Dieser Fall ist nun über zwei Jahre her und die Verantwortlichen für diese Tat wurden bis heute nicht zur Rechenschaft gezogen, weil sie von Moskau protegiert werden.

Das waren für heute die Nachrichten aus einem «anderen Europa» mit einer Geschichte, die sich anhört und liest wie aus einem zweitklassigen Hollywood-Actionfilm der Neunzigerjahre und leider doch wahr und deshalb solch eine Tragödie ist. Eine Tragödie, die erst aufhört, wenn man in Moskau, Teheran und Ankara aufhört, andere Staaten und deren Staatsbürger zu schikanieren und terrorisieren. Und dies kann nur geschehen, wenn andere, zivilisierte und mächtige Staaten Moskau, Teheran und Ankara endlich zur Verantwortung ziehen und aufhören, diesen Regimen einen Persilschein auszustellen. Dies geschieht aber nur, wenn auch die Bürger und Bürgerinnen dieser Staaten aufhören mit ihrer fast schon manischen «Israelkritik» und sich auf tatsächliches Unrecht konzentrieren.

*Ausser Belarus hat kein souveräner Staat nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion den KGB beibehalten. Dazu kommen die beiden Kreml-Vassalen Abchasien und die Zchinvali-Region/Süd-Ossetien. Andere Staaten, selbst Russland, haben den KGB abgeschafft oder zumindest umbenannt (FSB heisst diese alterwürdige Institution heute in Russland *räusper*).

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Offener Brief an sogenannte «Israelkritiker»

Geehrte «Israelkritiker», es ist gut, wenn Sie sich angesprochen fühlen und diesen offenen Brief nun lesen werden. Auch wenn mir bewusst ist, dass die hier aufgezählten Tatsachen wohl kaum zu einem Umdenken bewegen werden… Trotzdem, zuallererst für mich sind «Israelkritiker», gerade «Israelkritiker» aus dem deutschsprachigen Raum, denen es angeblich um Menschenrechte geht, Heuchler. Denn von genau diesen «Israelkritikern» hört man keinen Mucks, wenn es um die mehr als desolate Menschenrechtslage etwa in Staaten wie Belarus und der Islamischen Republik Iran geht.

Die britische Zeitschrift «The Economist» publizierte vor einiger Zeit eine Einstufung von Demokratien und Bürgerrechten weltweit. Mit dieser Einstufung wurde offensichtlich, dass die Bürger von Belarus, was den Mangel an Bürger- und Menschenrechten angeht, noch schlechter dastehen als die Bürger von Simbabwe und Venezuela. Belarus, das seit über zwanzig Jahren vom Kolchose-Diktator Alexander Lukaschenko regiert wird, ist auch das letzte Land Europas, in dem die Todesstrafe vollstreckt wird. Als vor einiger Zeit in der Knesset, dem israelischen Parlament, darüber debattiert wurde, ob man die Todesstrafe für Terroristen einführen solle, waren die deutschsprachigen Medien voll von dem Thema. Das in Belarus hingegen noch regelmässig Menschen, gerade Oppositionelle hingerichtet werden, interessiert hingegen kaum jemanden. Warum auch? Belarus wird ja auch nicht von Juden regiert und sogenannte «Israelkritiker» interessiert deshalb nur etwas, das man einem Juden in die Schuhe schieben kann. Darum gibt es keine Demos vor der belarussischen Botschaft und keine Boykottbestrebungen gegen den Kauf von Birkensaft und Traktoren. Man könnte sogar für lau nach Minsk fliegen, um dort gegen das Elend in der Kolchose-Diktatur zu protestieren, wenn man denn wollte, denn Minsk liegt nur zwei Flugstunden von Berlin entfernt.

«Israelkritiker» interessiert auch nicht, dass bei 17% der Ehen, die im Iran geschlossen werden, die Braut unter 18 Jahre alt ist. Alleine zwischen 2006 und 2018 wurden 400 000 Mädchen verheiratet, die bei ihrer Hochzeit jünger als 15 Jahre alt waren! Aber unter der Herrschaft der Statthalterschaft der Gelehrten feierte nicht nur religiös legitimierte Pädophilie im Iran Urstände. Es werden auch Menschen vom Staat ermordet, und zwar für Petitessen, wie dem Abfall vom Glauben. Hinzu kommt, dass Frauen wie Zeinab Sekanvand hingerichtet werden. Zeinab Sekanvand wurde mit 15 Jahren zwangsverheiratet, hatte mit 17, angeblich ihren Ehemann ermordet und im Gefängnis unter Folter den Mord an ihrem Ehemann gestanden und später wiederrufen. Am 2. Oktober 2018 wurde Zeinab Sekanvand gehängt. Aber im Fall des Regimes der Statthalterschaft der Gelehrten fordern «Israelkritiker» einen Dialog, der meiner Ansicht nach eher moralischer Prostitution gleichkommt, während sie gleichzeitig nicht müde werden, israelische Politiker sowohl der Regierungskoalition wie auch der Opposition nach Den Haag zu wünschen.

Diese Fälle zeigen für mich ganz klar, dass sogenannte «Israelkritiker» im besten Fall Heuchler sind, die ihr Mütchen am Juden kühlen wohlen Als jemand, der seinen Migrationshintergrund in der gescheiterten Sowjetunion hat, Jüdin ist und sich für Menschen- und Bürgerrechte einsetzt, bin ich oftmals entsetzt darüber wie «Israelkritiker», die Freiheit, die in demokratischen Rechtsstaaten gegeben wird, einsetzen um Agitation gegen den Juden unter den Staaten, Israel, zu betreiben. Entsetzt bin ich aus zwei Gründen: Erstens bin ich entsetzt darüber, dass «Israelkritiker» sosehr Geisel ihrer ur-eigenen antisemitischen Ressentiments sind, dass sie sich manisch mit den angeblichen Fehlern Israels beschäftigen müssen und zweitens bin ich entsetzt darüber, dass tatsächliches Elend so nicht mit den notwendigen Ressourcen bekämpft wird. Stattdessen können sich Autokraten wie der Kolchose-Diktator Lukaschenko und das lebende Fossil und oberste Religionsführer des Iran in Sicherheit wiegen und sicher sein, dass ihre Terrorherrschaft nie von irgendwelchen «Israelkritikern» in Frage gestellt wird, die stattdessen damit beschäftigt sind den Rechtsstaat Israel zu delegitimieren. Was den israelischen Rechtsstaat angeht: Als Ahed Tamimi, die auch als «Shirley Temper» bekannt ist, ins Gefängnis musste, weil sie einen Soldaten geohrfeigt hat, vergossen «Israelkritiker» Krokodilstränen wegen der Gefängnisstrafe. Als im Frühling 2018 der georgische Obsthändler Archil Tatunashvili in der von russischen Proxies okkupierten Zchinwali-Region, die international als «Süd-Ossetien» bekannt ist, entführt, gefoltert und ermordet wurde, hat das nur innerhalb der georgischen Gemeinschaft Empörung ausgelöst. Darum, liebe «Israelkritiker», lassen Sie es mich noch einmal sagen: In meinen Augen sind Sie bestenfalls Heuchler.