Das Drama um die Auslandskorrespondenten

Geehrte Leser

Die Problematik ist mir aufgefallen, als ich mich mit einem Freund auf Facebook über die Berichterstattung der anti-klerikalen Proteste, die in diesem Jahr, im Iran stattgefunden haben, unterhalten habe. Es ging um das fast vollständige Fehlen jeglicher Berichterstattung in den deutschsprachigen Medien über jene Proteste, die 2018 aufgeflammt sind. Dies hat, meiner Ansicht nach, mit einem ganz bestimmten Problem innerhalb der Medienwelt zu tun: Dem Auslandskorrespondenten, beziehungsweise dem Bereich, den ein Auslandskorrespondent heutzutage abdecken muss.

Ein Beispiel: Für die deutsche Zeitung «Die Zeit» berichtet Martin Gehlen aus Kairo für die ganze (!) MENA-Region. Der Ausdruck MENA-Region kommt aus dem Englischen und beschreibt das Gebiet des Mittleren- und Nahen Osten. Ich will hier nicht unnötig polemisieren und Herr Gehlens Werk schmälern, aber man muss sich das vorstellen: Der Mann muss in seiner Berichterstattung ein Gebiet vom Maghreb bis zum Hindukusch abdecken! Ein Gebiet mit verschiedenen Ethnien (Arabern, Juden, Persern, Turkvölkern etc.) und verschiedenen Sprachen, die nicht alle miteinander verwandt sind. Zwar sind Arabisch und Hebräisch beides semitische Sprachen, doch sind beispielsweise Persisch und Turksprachen keine semitischen Sprachen und auch nicht miteinander verwandt. Was ich persönlich für Wahnsinn halte!  Und gerade dies führt dazu, dass viele Dinge innerhalb der Berichterstattung in der MENA-Region auf der Strecke bleiben. Eigentlich wird aus der MENA-Region nur dann etwas berichtet, wenn ein israelischer Politiker etwas sehr Dummes oder Bizarres sagt, oder wenn es irgendwo einen Anschlag oder einen Aufstand gibt. Oder wie mein Freund es sagte: Alles was die lieben Vorurteile bestätigt. Dabei interessiert mich persönlich die MENA-Region sehr und deshalb versuche ich mich, so gut es eben geht, mit israelischen und anderen Medien darüber zu informieren. Aber gerade deshalb fällt mir diese gar dürftige Berichterstattung in den deutschsprachigen Medien auf.

Aber die dürftige Berichterstattung der deutschsprachigen Medien beschränkt sich nicht nur auf die MENA-Region. Ich kann es beim besten Willen nicht anders formulieren, aber über den Kaukasus wird fast dreissig Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion so berichtet, als ob der «Eiserne Vorhang» noch stabil stehen würde. D.h. es berichtet oft ein Korrespondent aus Moskau, in vielen Fällen jemand der keiner Sprache mächtig ist, die im Kaukasus gesprochen wird und etliche Male, unbewusst oder nicht, ein pro-russisches Narrativ in seine Berichterstattung einfliessen lässt. Ganz ehrlich: Ich will hier niemandem unterstellen willentlich und wissentlich Fake-News und Fake-Reportagen a` la Claas Relotius zu verbreiten, aber mit einem solchen Ethos und einem solchen Hintergrund ist kaum objektiver Journalismus möglich. Ich konsumiere nicht nur deutschsprachige Medien, da ich fliessend Russisch kann und auch noch fähig bin englischsprachige Publikationen zu lesen. Aber viele Menschen, die deutschsprachige Medien als ihre einzige Informationsquellenutzen, bleiben so zu wichtigen Dingen nicht richtig informiert. Was ich, wiederum, für nicht nur schade, sondern dramatisch halte. Denn eine halbe Wahrheit ist keine ganze Lüge, aber auch nicht die vollständige Wahrheit. Des weiteren untergräbt ein solcher Ethos die Glaubwürdigkeit von Medienschaffenden und dies sorgt dafür, dass tatsächliche Fake-News und damit einhergehende Verschwörungstheorien immer mehr Anklang finden und dies ganz generell zu einer Ablehnung von Demokratie, Bürgerrechten und Bürgerpflichten und der Hinwendung zu starken Führern zur Folge haben kann. Ausserdem führt das auch noch zu einer starken eurozentristischen Berichterstattung, da ganz offensichtlich über Gebiete am Rande Europas oder im Nahen- und Mittleren Osten nur unvollständig berichtet wird und so das Narrativ der Bevölkerung dort nicht richtig in den deutschsprachigen Medien wiedergegeben wird. Da wird, in meinen Augen, die Grenze zum Chauvinismus krass geschnitten. Sowas ist in der vernetzten Welt des 21. Jahrhunderts eine Ungeheuerlichkeit. Diese Ungeheuerlichkeit ist aber eine Tatsache, die es genau darum zu kritisieren gilt, bis sich etwas zum Positiven ändert. Mir ist bewusst, dass diese Einsparung bei Auslandskorrespondenten einen finanziellen Hintergrund hat, aber die Folgen davon sind dramatisch und darum nicht weiter hinnehmbar. Auch und gerade wegen der Glaubwürdigkeit der schreibenden Zunft.

Eine kleine Kritik an «Before Sharia Spoiled Everything»

Liebe Ladies und Fellas

Sofern Sie nicht unter einem Stein in Usbekistan hausen sollten, sondern regelmässig bei Facebook unterwegs sind, wird Ihnen die Seite «Before Sharia Spoiled Everything» bekannt sein, bei welcher Bilder von früher, aus verschiedenen Staaten mit islamischer Mehrheitsbevölkerung, gepostet werden. Besagte Bilder sollen beweisen, dass früher, bevor die Scharia kam, alles besser war. Dabei gibt es ein paar Probleme mit dieser Logik: Die Scharia galt in den meisten arabischen Ländern immer für große Teile des Zivilrechts, die einzige Ausnahme war Tunesien. Weder Saddam Hussein, noch Nasser noch Hafiz Al-Assad haben sich getraut die Scharia im Zivilrecht abzuschaffen. Die Scharia war also, zumindest in arabischen Staaten nie weg gewesen. Zum Beispiel darf ich daran erinnern, dass die beiden Ehen des geflüchteten Bigamisten aus Pinneberg in Syrien ganz legal geschlossen wurden. Hinzu kommt: Auch wenn es schwer fällt zu sagen, auch und gerade deshalb, weil ich keine Islamismus-Apologetin bin, aber die Scharia allein, kann das Elend Afghanistans nicht erklären, denn selbst wenn Afghanistan schon Morgen eine säkulare Verfassung bekommen würde, so würde Afghanistan ein zutiefst tribalistischer und am Boden zerstörter Staat bleiben, mit mehr Problemen als Scheherazade je Märchen erzählt hat. De facto ist die Scharia nicht das einzige Problem der Staaten mit islamischer Mehrheitsbevölkerung, wenn auch derzeit das Offensichtlichste. Tunesien, das freieste und säkularste arabische Land derzeit, hat das Problem der, konservativ geschätzt, 800 IS-Rückkehrer und das alles trotz Säkularität.

Des Weiteren finde ich es persönlich mehr als befremdlich Bilder von Privatpersonen einfach auf Facebook zu posten und das ohne vorher das Einverständnis besagter Privatpersonen eingeholt zu haben. Gerade weil viele Bilder in den Sechzigern und Siebzigern gemacht wurden und besagte Privatpersonen nun in Scharia-Staaten leben könnten, würde man damit diese Menschen gefährden.

Summa summarum: Auch wenn den politischen Islam verachte und der Aufstieg des politischen Islams Ende der Siebziger zu einem Backlash in der MENA-Region geführt hat. Trotzdem ist die Scharia nicht allein verantwortlich für das Elend der Staaten und Völker in der MENA-Region, sondern, die Probleme sind, leider, vielschichtiger und komplexer, als auf den ersten Blick scheint.