Mein Senf zur Farce der Präsidentschaftswahlen im Iran!

Geehrte Leserinnen und Leser!

Eines vorneweg: Der Sieger der Präsidentschaftswahlen vom 18.Juni 2021 steht schon heute fest, denn es handelt sich dabei um den «Blutrichter» Ebrahim Raisi. Ebrahim Raisi hat diesen interessanten Beinamen erhalten aufgrund seiner Mitwirkung an den Massenmorden an linken Aktivisten im Jahr 1988. Er hat also damals schon gezeigt, dass er für das Regime der Islamischen Republik bereit ist, alle Skrupel über Bord zu werfen und wortwörtlich über Leichen zu gehen. Dies macht Ebrahim Raisi geradezu zu einem perfekten Nachfolger von Ali Khameini, und nur darum geht es:

Ali Khameini selber ist nunmehr über 80 Jahre alt und will seine Nachfolge und das Weiterbestehen des Regimes sicherstellen, darum will er seinen Nachfolger, eben Raisi, in einer Machtposition wissen, damit dieser schnell, nach Khameinis Ableben, bestätigt und zum neuesten obersten «Religionsführer» ernannt werden kann. Diese ganze Farce um Kandidaten wie den vermeintlichen «Reformisten» Tajzadeh, dessen Frau angeblich freiwillig Kopftuch trägt, von der es aber keine Bilder gibt, oder den gestörten Holocaustleugner Mahmud Achmadinejad, der als neuer Hoffnungsträger des Proletariats gefeiert wird, ist nichts anderes als eine bizarre und zugleich tragische Groteske, die ihresgleichen sucht.

Übrigens: Die Tatsache, dass ein gestörter Holocaustleugner wie Achmadinejad, immer noch solch eine grosse Anhängerschaft im Iran selber hat, oppositionelle Medien wie «Iran International» in London gehen von 29 Millionen aus, sprich gut 40% der iranischen Bevölkerung, primär männlichen Anhängern aus der Unterschicht, ist meiner Ansicht nach, als Jüdin, besorgniserregend. Achmadinejad, dem sogar ehemalige Weggefährten attestieren, geisteskrank zu sein, unter anderem behauptet er, in Kontakt mit dem «verborgenen Imam» zu sein, einer Messias-Figur im schiitischen Islam, ist kein Populist. Er ist ein brandgefährlicher Mörder, der 2009 die Proteste, die sich gegen seine zweite Amtszeit richteten, mit eiserner Faust und der Hilfe der Basiji und Pasdaran/Revolutionsgarden blutig niederschlagen liess. Heute kritisiert er die Pasdaran/Revolutionsgarden und den obersten Religionsführer Ali Khameini nicht wegen ihrer Brutalität, sondern weil ihm von diesen Macht verwehrt wird. Macht, die, denkt der gestörte Mahmud, ihm quasi per Bestimmung zusteht. Und, ich sage es nochmal, in aller Deutlichkeit und als Jüdin, man leugnet nicht den Holocaust, um Aufmerksamkeit zu erregen. Das alles hat aber Achmadinejad getan. Heute stilisiert er sich zum Sprachrohr der Elenden und Entrechteten, um eben die traditionelle und ungebildete schiitische Bevölkerung für sich zu mobilisieren.

Aber all das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass, sofern es keinen Regimechange gibt, der nächste Präsident der Islamischen Republik Ebrahim Raisi heissen wird. Das hat nichts mit irgendwelchen Sanktionen zu tun, sondern mit der Tatsache, dass die sogenannte «Reformbewegung» sich über Jahre selber sabotiert hat und es nicht geschafft hat, echte Reformen im Iran voranzutreiben. Hinzu kommt, dass Khameini seine Nachfolger für die Zeit nach seinem Ableben positioniert. Alles andere ist nur die übliche Propaganda des Regimes, um vom eigenen Versagen abzulenken.

Denn obwohl das Regime, zumindest bei diesen Wahlen, auf die übliche Scharade aus «Guter Bulle»(Reformisten)/«Böser Bulle»(Hardliner) verzichten, bedeutet das nicht, dass die übrige Propaganda zurückgefahren wird. Ganz im Gegenteil: Die Anschuldigungen, dass Sanktionen gegenüber dem Regime oder das Misstrauen westlich-gesinnter Staaten gegenüber der Islamischen Republik und deren imperialistischer Aussenpolitik, schuld daran seien, dass das Regime nun auf Hardliner setzt, primär Revolutionsgardisten, ist genau solche Propaganda.

Aber auch diese Propaganda kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass seit Ende letzten, Anfang dieses Jahres klar war, dass sich der altersschwache und zugleich bösartige Ali Khameini um seine Nachfolge sorgt und genau deshalb einen regimetreuen Nachfolger will. Und bei diesem Nachfolger handelt es um keinen geringeren als den «Blutrichter» Ebrahim Raisi. Währenddessen verschlingt die Islamische Revolution, Saturn gleich, ihre eigenen «Enkelkinder», denn nun versucht sogar Hassan Khomeini, der Enkel von Ruhollah Khomeini, das Regime zu kritisieren. Zu spät, meiner Meinung nach, denn das System der Islamischen Republik kann nicht reformiert werden. Das Einzige, das noch helfen kann, ist ein Regimechange, und der kommt erst, wenn die antiklerikale Opposition sich ihren Problemen stellt. Das aber ist ein anderes Thema für einen anderen Blog-Beitrag.

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Neuer alter Antisemitismus

Geehrte Leserinnen und Leser!

Gleich vorweg: Der Antisemitismus, der sich in den letzten Tagen über mein Völkchen entladen hat, überrascht mich nicht im Geringsten: Der Antisemitismus war nie richtig weg, die, die von Antisemitismus gewarnt haben, wurden nicht ernst genommen, oder gar lächerlich gemacht und beschimpft. Auch ich gehöre zu dieser Gruppe, die davor gewarnt hat und die man, offensichtlich, nicht ernst genommen hat. Darum auch meine geradezu stoische Reaktion jetzt.

Das Ergebnis dieser Ignoranz und die Indifferenz gegenüber Judenhass konnte man in den letzten Tagen auf den Strassen Londons, New Yorks, Torontos und Berlins sehen, als sich dort antisemitische Mobs eingefunden haben, die nach jüdischem Blut gierten. Es ist eine Tragödie! Und es ist fast eine noch grössere Tragödie, dass, wenn man Lösungen für dieses offensichtliche Problem sucht, man oft Lösungen aus der Recycling-Tonne wiederverwendet. D.h. Bildung wird im Kampf gegen Antisemitismus, aber auch bei anderen Formen des Menschenhasses, als Allheilmittel angesehen. Und das ist meiner Ansicht nach problematisch, denn zuallererst haben Lehrerinnen und Lehrer nicht zugestimmt, die Fehler der Gesellschaft gerade zu biegen und zum Beispiel Antisemitismus zu bekämpfen, zum anderen können Lehrkräfte genauso gut selber Judenhasser sein und ausserdem muss man bedenken, dass zum Beispiel Menschen wie Joseph Mengele sehr gut gebildet waren, und das hat nicht verhindert, dass sie zu geradezu tollwütigen Antisemiten geworden sind.

Was tun, lautet die Frage jetzt. Nun bin ich als Jüdin leider keine Expertin im Kampf gegen Antisemitismus. Was allerdings helfen würde, wäre meiner Meinung nach, wenn man die Sorgen von uns Jüdinnen und Juden endlich ernst nehmen würde und aufhören, mit wohlmeinenden Ratschlägen, die nur zeigen, dass man unsere Sorgen und Ängste eben nicht ernst nimmt, wie zu Beispiel jener Empfehlung, bei der mir, einer nicht-amerikanischen Jüdin, vorgeschlagen wird, einfach in die Vereinigten Staaten von Amerika zu migrieren, sollte die Lage für uns Juden wieder gefährlich werden. Israel würde ich ja nicht brauchen, meinen diese «Anti-Zionisten» und vergessen dabei, wie es den Passagieren auf der «St. Louis» ergangen ist. Während in mir das Grauen wächst.

Ganz ehrlich: Oft ist mir nicht zum Lachen zu Mute und mir graut es vor meinen Mitmenschen, die so offensichtlich, ignorant und gleichgültig gegenüber dem sind, was mir regelmässig widerfährt, und dann noch die Arroganz haben, das alles runterzuspielen oder uns Juden zu beschuldigen am Antisemitismus schuld zu sein, unter dem wir leiden, und tausendundeine Beschwichtigung zu finden für jene, die im antisemitischen Wahn gefangen sind.

Nach konkreten Lösungen wird nicht gesucht, stattdessen soll es, wie gesagt, die Bildung richten. Als ob alle Judenhasserinnen und Judenhasser der Vergangenheit samt und sonders Analphabeten und Neandertaler gewesen sind, die ein A von einem O nicht unterscheiden konnten.

Aber am Ende ist es genau diese Einstellung, die dafür sorgt, dass wir Jüdinnen und Juden in der Diaspora gefangen sind in einem Teufelskreis aus Antisemitismus und den Beschwichtigungen und Entschuldigungen für den Judenhass, den wir erdulden müssen. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass Antisemitismus dieser Tage weiterhin wachsen und gedeihen kann wie Unkraut und ein Gegenmittel gegen diesen Hass noch nicht gefunden werden konnte. Es kann auch weiterhin nicht gefunden werden, solange dieser Teufelskreis aus Antisemitismus, Gleichgültigkeit und Ignoranz weiterhin existiert. Ich wünschte, ich könnte erfreulichere Dinge schreiben, aber für mich ist dies nunmal meine Normalität, mit der ich von Tag zu Tag leben muss.

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